Wahrnehmung, Identität und Zugehörigkeit

Die Bildung einer psychischen Identität einer Person ist nicht eindeutig, unveränderlich oder starr, sondern unterliegt verschiedenen Einflüssen. Wie wir uns selbst und andere wahrnehmen hat unmittelbaren Einfluss darauf, wie wir uns verhalten. Dies betrifft das Verhalten gegenüber uns selbst, als auch gegenüber anderen Personen und trägt zur Bildung der eigenen, psychischen Identität bei. „Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses.“ (Mead/Morris, Geist, Identität und Gesellschaft,1998, S.177)[1]

Stufen der Wahrnehmung nach Zimbardo/Gerring, Quelle: Egle, G., teachSam Psychologie

Wir identifizieren oder erkennen nicht nur Objekte oder andere Subjekte. Aus dem Modell von Zimbardo/Gerring lässt sich ableiten, dass wir auch unsere eigene Person und unser Verhalten nach dem gleichen Ablauf wahrnehmen. Wie die vorangegangene Abbildung auch zeigt, werden bei der Identifikation und Wiedererkennung höhere kognitive Prozesse wie z. B. Werte und Einstellungen aktiviert, welche wiederum zur Bildung einer persönlichen Identität beitragen. Auf das Geschlecht bezogene Wahrnehmungen bei Kindern spielen eine entscheidende Rolle für deren geschlechtskonforme Verhaltensweisen. Wenn Kinder ihre geschlechtliche Identität und die von anderen Personen kennen und bewusst wahrnehmen und welche Verhaltensweisen und Eigenschaften für die Geschlechter als angemessen betrachtet werden, motiviert sie dies zur Übernahme in ihr eigenes – für ihr eigenes Geschlecht spezifisches - Verhalten (Maccoby, 2002, S. 194).

Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung

Unter Selbstwahrnehmung („Wer oder was bin ich?“) verstehen wir, wie wir uns selbst, also unsere eigene Person, wahrnehmen. Diese Selbstwahrnehmung kann sehr stark davon abweichen, welchen Sinneseindruck andere Personen (Fremdwahrnehmung) von uns haben. William James schreibt in seinem Werk „Principles of Psychology“ aus dem Jahr 1890: „…a man has as many social selves as there are individuals who recognize him and carry an image of him in their mind.”[2] Er stellt damit fest, dass ein Mensch über so viele soziale Selbst verfüge, wie es Individuen gibt, die ihn erkennen und sich ein Bild von ihm in ihren Gedanken gemacht haben.
Das Selbst besteht einerseits aus unseren Gedanken und unseren Vorstellungen von uns selbst oder, wie James (1890) es nannte, aus dem Selbst als Objekt der Erkenntnis (the self as known, me, empirical ego). Das Selbst verarbeitet aber auch anderseits aktiv Informationen und ist damit das Selbst als erkennendes Subjekt (the self as knower, I, pure ego) (Aronson et. al., 2008, S. 127).

Die meisten Sinneswahrnehmungen wie z. B. visuelle, auditive, olfaktorische, gustatorische, trigeminale, vestibuläre Wahrnehmungen sowie Sensibilität (Tastsinn, Gefühle) und andere physikalische Wahrnehmungen laufen nach Kahneman (2012) in unserem Gehirn unterbewusst ab. Sie wirken sowohl auf unsere Selbstwahrnehmung als auch auf die Fremdwahrnehmung.
Schmitt/Altstötter-Gleich (2010, S. 38) übernimmt die Annahmen Rogers, „dass Erfahrungen, eigenes Verhalten und Merkmale des Selbst nicht nur eine angeborenen, organismischen Prozess der Selbstbewertung unterliegen, sondern auch der Bewertung durch andere, also der Fremdbewertung. Die Wirksamkeit der Fremdbewertung ergibt sich aus dem menschlichen Bedürfnis nach Wertschätzung durch andere, insbesondere nach Anerkennung durch wichtige Bezugspersonen wie Partner oder Freunde“. Die meisten Menschen halten sich für rationale Wesen, was im Allgemeinen auch zutrifft. Das Bedürfnis, stets ein positives Selbstbild zu wahren, führt jedoch dazu, dass das menschliche Denken nicht immer so rational ist, sondern eher rationalisierend. Die Konzentration darauf, Dissonanzen zu vermeiden, führt bei vielen Menschen „durch sich ständig selbst zu überzeugen, dass sie richtig gehandelt haben“, zu oft irrationalem oder fehlangepasstem Verhalten (Aronson et. al., 2014, S. 185).

Selbstkonzept und Selbstwertgefühl

Aronson et. al. (2008, S. 127) nennt den Aspekt, zu wissen, wer wir sind, Selbstkonzept. „Das Selbstkonzept entwickelt sich nicht im luftleeren Raum; es wird vielmehr durch die Menschen um uns herum geprägt. Würden wir nie mit anderen Menschen interagieren, wäre unser Selbstbild verschwommen, weil wir unser Selbst nicht als ein von anderen getrenntes wahrnehmen könnten.“[3]
Nach Rogers werden Erfahrungen, die eine Person auf sich selbst bezieht, im Selbstkonzept gespeichert. Das Selbstkonzept wird von verschiedenen Einflüssen tangiert und führt zu einer Selbstaktualisierung des Selbstkonzepts (Schmitt/Altstötter-Gleich, 2010, S. 39).

Die Einflüsse können vom Individuum bewusst und unbewusst wahrgenommen werden. Wir sind aber nicht nur durch nicht wahrnehmbare, sondern auch durch gänzlich immaterielle Faktoren beeinflusst (Fine, 2010, S. 44). Die Grenze des Selbstkonzepts ist durchlässig für das Bild, das andere Menschen von ihnen haben (oder, um genau zu sein, für das, was sie als deren Wahrnehmung von ihrem Selbst wahrnehmen) (Fine, 2010, S. 45). Auf die Aussage, „ich bin mit mir selbst zufrieden“ haben die Teilnehmer_innen der Online-Umfrage wie folgt geantwortet:

Umfrageergebnis "Ich bin mit mir selbst zufrieden" (n=330)

Aronson et. al. (2014, S. 170) definiert das Selbstwertgefühl als die Beurteilung des eigenen Selbstwerts, also wie gut, kompetent und anständig wir uns selbst einschätzen. Die Folgen eines Mangels an Selbstwertgefühl können unangenehm und schwerwiegend sein. Depressionen, Ängste, Einsamkeit und andere psychische Störungen, aber auch Problemverhaltensweisen wie Aggressivität, können ihre Ursache darin haben (Potreck-Rose/Jacob, 2010, S. 11).

Die Auswirkungen eines mangelnden Selbstwertgefühls oder ein undefiniertes Selbstkonzept führen insbesondere auch im beruflichen Umfeld oder in kollegialen Beziehungen zu geringeren Leistungen, häufigeren seelischen Erkrankungen und daraus folgend zu verminderten Karrierechancen.

Anerkennung und Akzeptanz

Zur Bildung eines kohärenten Identitätsgefühls einer Person gehören, nach Aronson et. al. (2008, S. 127), neben des Selbstkonzepts auch das Nachdenken über sich selbst (Selbstaufmerksamkeit). Nach Butler (2011, S. 10) strebt jedes Individuum nach Anerkennung. Sie bezeichnet dies als das „Begehren nach Anerkennung“ und dass der Mensch nur durch die Erfahrung der Anerkennung zu sozial lebensfähigen Wesen werden. „Die Bestimmungen, anhand deren wir als menschlich anerkannt werden, sind gesellschaftlich artikuliert und veränderbar“[4]. Die Bestimmungen sind Normen, welche weitreichende Konsequenzen haben dafür, wie das Modell eines Menschen verstanden wird. Butler (2011) stellt fest, dass das Menschliche in Abhängigkeit von Rasse, seinem Aussehen (Morphologie), seinem anatomischen Geschlecht und der Ethnizität unterschiedlich verstanden wird. Die jeweilige Interpretation der vorgenannten Faktoren wirken darauf stark beeinflussend. „Bestimmte Menschen werden als eingeschränkt menschlich anerkannt, und diese Form der eingeschränkten Anerkennung führt nicht zu einem bewältigbaren Leben. Bestimmte Menschen werden überhaupt nicht als menschlich anerkannt, und das führt zu einer weiteren Ordnung nicht lebbaren Lebens.“[5]

Von 138 Umfrageteilnehmer_innen der Online-Umfrage haben 51 (36,96 %) Personen die Frage, ob in ihrem derzeitigen Unternehmen eine oder mehrere Personen arbeiten, welche nach ihrer Meinung nicht ihren Vorstellungen eines typischen Mannes bzw. einer typischen Frau entsprechen, mit ‚Ja‘ beantwortet. Nur etwas mehr als ein Viertel (35 =25,36 %) gaben an, die betreffende Person ohne Einschränkungen zu akzeptieren und 5,8 % fühlten sich vom Verhalten der transidenten Person gestört. Nur für 33 Umfrageteilnehmer_innen (23,91 %) ist die betroffene Person eine Kollegin bzw. ein Kollege, wie alle anderen. Als Vorgesetzte bzw. Vorgesetzten würden 5,07 % eine transidente Person nicht anerkennen.

Der Aussage „Ich fühle mich von meinem Umfeld so akzeptiert, wie ich bin“, stimmten 15,21 % (n=121) der Umfrageteilnehmer_innen nicht oder eher nicht zu. Betrachtet man zu dieser Aussage den Personenkreis, welcher sich selbst nicht seinem Geburtsgeschlecht zugehörig fühlt (28 von 121 Umfrageteilnehmer_innen, welche die vorgenannte Frage beantwortet haben), geben sogar 64,29 % an, sie haben das Gefühl, von ihrem Umfeld nicht akzeptiert zu werden. Der Aussage „Ich würde gerne ein anderer Mensch sein“ stimmten 18,84 % völlig oder ziemlich zu.

Sexuelle Identität

Die sexuelle Identität (oder Geschlechtsidentität) einer Person entwickelt sich im Lauf eines menschlichen Lebens. Neugeborene und Kinder bis etwa drei Jahre können noch nicht zuverlässig aussagen, ob sie ein „Junge“ oder ein „Mädchen“ sind. Erst ab einem Alter von ca. drei Jahren verfügen Kinder mehrheitlich über ein stabiles Bewusstsein über ihre eigene Geschlechtsidentität. Es ist möglich, dass Kinder ihr eigenes Geschlecht und das von anderen Personen richtig benennen können. Jedoch ist es ihnen noch nicht möglich zu beurteilen, welche anderen Personen – bezogen auf das Geschlecht – so sind, wie sie selbst (Maccoby, 2000, S. 202).

Nach Asendorpf/Neyer (2012, S. 337) wirkt sich das Geschlechtskonzept einer Kultur prägend auf die Geschlechtsentwicklung aus. Kinder müssen lernen, welche Merkmale als „männlich“ und welche als „weiblich“ angesehen werden (Erwerb des Geschlechterstereotyps der Kultur), welche Geschlechterrollen in der jeweiligen Kultur vorhanden sind (Geschlechterrollenerwerb) und müssen erkennen, dass das Geschlecht ein (scheinbar) unveränderliches Merkmal einer Person (Geschlechtskonstanz bzw. Geschlechtsstabilität) darstellt.

Auf meine Frage „Ich bin mir meines Geschlechts innerlich sicher“ in der Online-Umfrage (n=121 Personen) haben 10 Personen mit „trifft eher nicht zu“ bzw. „trifft nicht zu“ geantwortet. Dies entspricht einem prozentualen Anteil von 8,33 %. Wird bei der Frage ein weiterer Zeitraum („Ich hatte Zeiten/Phasen, in denen ich mir meines Geschlechts nicht sicher war“) gesetzt, stimmen sogar 26 Personen (21,67 %) der Aussage zu. Werden die Teilnehmer_innen danach gefragt, ob die Geschlechterrolle ihres Geburtsgeschlechts die richtige ist, stimmen 27 Personen (23,33 %) dieser Aussage nicht bzw. eher nicht zu.

"Ich bin mir meines Geschlechts innerlich sicher" - Antworten biologischer Männer (n=79)

"Ich bin mir meines Geschlechts innerlich sicher" - Antworten biologische Frauen (n=42)

Nachfolgend sind die Ergebnisse aller Fragen in Bezug auf die eigene Geschlechtsidentität aller Umfrageteilnehmer_innen, welche die persönlichen Fragen vollständig beantwortet haben (n=121) grafisch dargestellt.

Umfrageergebnisse zur eigenen Geschlechtsidentität (n=121)

Sexuelle Orientierung

Die sexuelle Orientierung einer Person gibt an, zu welchem Geschlecht sich die Person sexuell hingezogen fühlt. Ob eine Person sich zu Personen des anderen Geschlechts hingezogen fühlt (heterosexuell), zu Personen des gleichen Geschlecht (homosexuell) oder sich zu beiden Geschlechtern (bisexuell) hingezogen fühlt, scheint bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Umfrage mittlerweile kein Grund mehr zur Ablehnung der betroffenen Person bei der Besetzung einer bestimmten Position zu sein. So geben nur 1,83 % (bei homosexuellen Bewerbern) bzw. 0,3 % (bei homosexuellen Bewerberinnen) der Umfrageteilnehmer_innen an, dass für sie eine abweichende sexuelle Orientierung auch zur Ablehnung einer Bewerbung führen würde.

Erscheinungsformen der Transidentität

In den Medien wird über transidente Menschen meist dahingehend berichtet, dass Lebensgeschichten von Personen erzählt werden, welche eine Maßnahme (Hormontherapie, geschlechtsanpassende Operationen etc.) durchführen wollen und damit dauerhaft ihr Geschlecht wechseln wollen. Diese Personengruppe steht nicht im Fokus der Betrachtungen. Es geht mir vielmehr um die Personen, welche sich nicht mit den klassischen Geschlechterbildern und –rollen assoziieren wollen, aber nicht zwingend auch im anderen Geschlecht leben möchten. Dies kann durch verschiedene Formen äußerlich zum Ausdruck gebracht werden. Zum Beispiel kann dies eine „nicht geschlechtstypische Frisur“ oder durch das Tragen von “ausgefallener“ (schrill, bunt) oder geschlechtlicher Kleidung sein. Von 138 Teilnehmer_innen der Online-Umfrage, welche bereit waren, persönliche Fragen zur eigenen Geschlechtsidentität zu beantworten, gaben 32 Personen (23,19 %) an, dass sie Spaß daran finden, ihr Aussehen in Richtung auf das andere Geschlecht zu verändern.

Erscheinungsformen der Transidentität

Auch das temporäre Wechseln in die Rolle des anderen Geschlechts kann eine Ausdrucksform der Transidentität sein. In der Online-Umfrage gaben 29 Teilnehmer_innen (21,01 %) an, dass sie Spaß daran finden, in die Rolle des anderen Geschlechts zu schlüpfen.

[1] Übernommen von Wikipedia.de, http://de.wikipedia.org/wiki/Identit%C3%A4t (Abruf 19.10.2014)
[2] James, William (1890), Principles of Psychology, Vol. I, American Science Series – Advanced Course, Henry Holt and Company, New York - https://archive.org/details/theprinciplesofp01jameuoft, S. 294
[3] Aronson et. al., 2014, S. 161
[4] Butler (2011, S. 10), Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt
[5] Butler (2011, S. 10f), Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt



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