Theorie der Stereotype

Der Mensch benutzt mentale Strukturen (Schemata), die sein Wissen über die soziale Welt ordnen. Die mentalen Strukturen haben Einfluss auf die Informationen, die wir abspeichern. Wenn sich Schemata auf Mitglieder einer sozialen Gruppe, eines Geschlechts oder einer Rasse beziehen, bezeichnet man sie gemeinhin als Stereotypen (Aronson et. al., 2008, S. 58). Diese Schemata sind für den Menschen nützlich und wichtig, um unsere Umwelt zu ordnen, ihr einen Sinn zu geben und um unsere Wissenslücken zu schließen. Sie sind dann besonders wichtig, wenn wir mit Informationen konfrontiert werden, die auf unterschiedliche Weise interpretiert werden können. Sie helfen uns, die Mehrdeutigkeit zu reduzieren (Aronson et. al., 2008, S. 60). Solange wir Grund zu der Annahme haben, dass unsere Schemata korrekt sind, ist es völlig vernünftig, sie anzuwenden, um Mehrdeutigkeiten zu klären (Aronson et. al, 2008, S. 61).

Stereotype allgemein

Stereotype im Allgemeinen sind persönliche Überzeugungen bzw. Erwartungen bzgl. der Merkmale und Eigenschaften von Menschen oder Gruppen, welche wir auf diese Person(en) übertragen oder beziehen und als für diese Person(en) vermeintlich typisch erachten. Stereotype können als Wissen, welches sozial übermittelt und kulturell geteilt wird beschrieben werden.
Die Zuordnung eines Stereotyps auf eine Person verläuft in der Regel sehr schnell, automatisch und unterbewusst sobald wir anderen Personen begegnen. Daniel Kahneman weist diese automatisierten Vorgänge in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“[1] dem „System 1“ unseres Gehirns zu. Die Gedankenprozesse im „System 1“ erfolgen automatisch, unbewusst, sehr schnell und weitgehend mühelos. Es ist immer aktiv, kann nicht abgeschaltet bzw. deaktiviert werden, funktioniert ohne willentliche Steuerung und arbeitet Wahrnehmungen und Reize stereotyp ab. Dabei bedient sich das Gehirn verschiedener Heuristiken wie z. B. der Repräsentativitätsheuristik, die die Wahrscheinlichkeit von Eigenschaften und Ereignissen bewertet, wie genau diese einem bestimmten Muster entsprechen. Die Heuristiken führen jedoch nicht selten zu Fehlern bzw. Fehleinschätzungen. Bezüglich der Verwendung von Stereotype können diese Fehleinschätzungen als Interpretation dafür herangezogen werden, dass Menschen Eigenschaften oder Ereignissen oft Bedeutungen zuweisen (bzw. unbewusst zu erkennen glauben), welche in Wirklichkeit nicht zusammenhängen oder nicht vorhanden sind.
Nach Athenstaedt/Alfermann (2001, S. 14f) ist eine Funktion von Stereotype die soziale Wahrnehmung dadurch zu vereinfachen, dass Individuen in Schubladen gesteckt werden und auf Basis von Kategorienzugehörigkeit beurteilt werden.

Wenn ein Konstrukt im Gedächtnis aktiviert ist und vorübergehend zugänglich gemacht wird, bezeichnet man dies als Priming. Die Aktivierung eines Stimulus erleichtert die anschließende Verarbeitung eines anderen, damit zusammenhängenden Stimulus (Jonas et. al., 2014, S. 112). Die Aktivierung eines Stereotyps hat also zur Folge, dass durch Nervensignale weitere Gehirnregionen angesprochen werden und daraus weitere Stereotype aktiviert werden können (Kaskadeneffekt). Dies bedeutet, dass für die Kategorisierung einer Person nicht nur ein Stereotyp herangezogen wird, sondern die erste (unterbewusste) Aktivierung, je nach zusätzlichen Informationen (wie z. B. Geschlecht, Hautfarbe, Alter etc.) weitere Stereotype aktiviert werden.

Stereotypkaskade (Balk, 2014)

Die Stereotypkaskade zeigt, dass die Zuordnung einer Person zu einer bestimmten Kategorie, die, von dieser Kategorie abhängigen weiteren Kategorisierungen, und folglich eine Kaskade von Stereotypisierungen auslöst. Ist ein Konstrukt erst einmal aktiviert, werden auch andere damit assoziierte Konzepte aktiviert und erhalten einen Zustand erhöhter Zugänglichkeit[2], auch wenn sie nicht direkt »geprimed« worden sind (Jonas et. al., 2014, S. 112).

Bodenhausen/Macrae (2013) beschreiben in „Stereotype Activation and Inhibition“ den Vorgang der Aktivierung von Stereotype wie folgt: „When a particular categorization is made and associated stereotypes are activated, they are expected to influence impressions and reactions both directly and indirectly. The direct influence comes from the activation of stereotypic beliefs themselves, which may be added (or averaged) into one’s general impression of the target. The indirect effect emerges when activated stereotypic concepts influence the selection and interpretation of other available information.“[2] Bodenhausen/Macrae (2013, S.10) erklären dies anschaulich an einem Beispiel. Stellen Sie sich vor, Sie treffen einen dicken Mann, der den Talar eines katholischen Priesters trägt, und Ihnen als Vater Patrick O’Kelly vorgestellt wird. Solch eine Person repräsentiert viele Möglichkeiten der Stereotypisierung. Er kann z. B. nach seinem Geschlecht beurteilt werden (ist er ein typischer Mann?), nach seinem Körperbau (ist er eine typische dicke Person?), nach seinem Beruf (ist er ein typischer Priester?) oder nach seiner Ethnie (ist er typischer Ire?). Es ist möglich, dass nur ein Stereotyp aktiviert wird, nur einige davon oder alle aufgeführten. Es ist aber auch möglich, dass ganz andere oder weitere Stereotype bei der Beurteilung der Person relevant werden. Welche Stereotype aktiviert werden, ist abhängig davon, ob diese bei der (beurteilenden) Person überhaupt vorhanden (bzw. angelegt) sind. Außerdem folgern Bodenhausen/Macrae (2013, S. 7), dass Stereotype die Gedanken oder Aktionen nicht beeinflussen, wenn sie nicht aktiviert werden und sie werden nicht aktiviert, wenn die Gruppenzugehörigkeit (bzw. Kategorie) der Zielperson nicht erkannt wird oder nicht bekannt ist.

Diskriminierung durch Stereotype

Nach Bodenhausen/Macrae (2013, S. 8) beginnt die Stereotypisierung und eine evtl. Diskriminierung eines Individuums mit dem Vorgang der Kategorisierung. Vor ein bis zwei Jahrzehnten galt die „geschlechtliche Diskriminierung“ fast ausschließlich im Hinblick auf Frauen (Buttler, 2011, S. 16). Die Nichtgleichbehandlung von Frauen ist auch in unserer heutigen Gesellschaft noch weit verbreitet, jedoch wird heute unter der „geschlechtlichen Diskriminierung“ mehr und mehr Bezug auf Personen mit abweichender Geschlechtsidentität (z. B. transidente Menschen) oder Menschen mit abweichender sexueller Orientierung genommen.

Die Wahrnehmung einer Person, von stereotyper Kategorisierung in Bezug auf ihre geschlechtliche Identität bedroht, benachteiligt und diskriminiert zu werden, liegt darin begründet, dass Stereotype regulierend und stark normierend wirken. Es erscheint so, als dass diese „Regulierung“ eine Institutionalisierung von „Geschlecht“ darstellen. Nach Butler (2011, S. 71) erkennen wir konkrete Gesetze, Regeln und Praktiken an, die die rechtlichen Instrumente konstruieren, durch die Personen normalisiert werden. Butler widerspricht teilweise der Behauptung, das Geschlecht wäre eine Norm. „Eine Norm ist weder das Gleiche wie eine Regel noch wie ein Gesetz[4]. Eine Norm wirkt innerhalb sozialer Praktiken als impliziter Standard der Normalisierung.“[5] Die Minderheitenposition von weiblichen Führungskräften führen Aulenbacher et. al. (2010, S. 159) an, warum sich diese Frauen konfrontiert sehen mit „machtvollen, unhinterfragten stereotypen Wahrnehmungen all ihrer Handlungen (Müller 1995: 115)“. Nach Aulenbacher et. al. (2010, S. 159) unterliegen Frauen aufgrund ihrer Minderheit in führenden Positionen einer besonderen Aufmerksamkeit (Visibilität). Sie werden überwiegend nicht nur nach Leistung beurteilt, sondern auch unter dem Aspekt der Geschlechtlichkeit wahrgenommen und bewertet. Solange Frauen in Führungspositionen in der Minderheit sind, müssen sie besondere Leistungen erbringen, um ihre Anwesenheit in einer für sie als untypisch geltenden Führungsposition zu rechtfertigen. „Zugleich müssen sie ihre Weiblichkeit kontrollieren, um nicht zu eng mit ihrem Geschlecht in Verbindung gebracht zu werden, was immer auch die Abwertung ihrer Kompetenz bedeuten würde, da Weiblichkeit nicht mit Professionalität gleichgesetzt wird.“[6] Diese Aussagen von Aulenbacher et. al. sind fast ohne Einschränkungen auch auf Personen mit abweichender Geschlechtsidentität - insbesondere transidente, biologische Männer – zu übertragen. In nachfolgendem Abschnitt wird auf „Geschlechterstereotype“ eingegangen und die vorgenannte Behauptung mit Ergebnissen der Online-Umfrage untermauert.

Geschlechterstereotype

Geschlechterstereotype sind Wissensbestände auf der Ebene kognitiver Repräsentationen (Asendorpf/Neyer, 2012, S. 335). Die Zuweisung von vermeintlich typischen Charakteristika erfolgt auch in Bezug auf das Geschlecht einer Person (Geschlechterstereotype) nach verschiedenen Heuristiken. Geschlechterstereotype können beschreibend (deskriptiv) verwendet werden, indem sie Meinungen wiedergeben, wie Männer und Frauen typischerweise sind. Sie erleichtern damit den Umgang untereinander, weil die damit verbundenen Erwartungen im Normalfall auch erfüllt werden. Jedoch haben Geschlechterstereotype auch wertende Funktion (präskriptiv), weil sie vorgeben wie ein Mann oder eine Frau typischerweise zu sein hat. Asendorpf/Neyer (2012, S. 334) behaupten, dass die im Geschlechterstereotyp enthaltenen Meinungen selten völlig falsch sind und einen Kern an tatsächlichen Geschlechterunterschieden enthalten, die aber unzulässig verallgemeinert oder übertrieben wahrgenommen werden. “Psychologische Merkmale sind oft geschlechtstypisch verteilt, aber die Verteilung der beiden Geschlechter überlappt sich meist stark. Im Geschlechterstereotyp werden tatsächlich vorhandene Unterschiede in den Verteilungen übertrieben.“[7] Auch Kahneman (2012) beschreibt in der Repräsentativitätsheuristik eine Urteilsheuristik, bei der die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Ereignissen oder das Zutreffen von Eigenschaften dahingehend bewertet wird, wie genau sie bestimmten Prototypen (Stereotypen) entsprechen. Er behauptet, dass intuitive Eindrücke des „System 1“ – also Stereotype - in aller Regel zutreffender sind als zufällige Schätzungen. „In all diesen und vielen anderen Fällen ist an Stereotypen, die Repräsentativitätsurteilen zugrunde liegen, etwas dran, und Vorhersagen auf der Grundlage dieser Heuristik können zutreffend sein. In anderen Situationen sind diese Stereotype falsch, und die Repräsentativitätsheuristik ist irreführend, wenn sie Menschen dazu veranlasst, Informationen über Basisraten zu vernachlässigen, die in andere Richtung weisen. Selbst wenn die Heuristik eine begrenzte Gültigkeit besitzt, führt es zu schweren Verstößen gegen die statistische Logik, wenn man sich ausschließlich darauf verlässt.“[8] Diese allgemeingültige Aussage zu Stereotype lässt sich folglich auch auf Geschlechterstereotype übertragen.

Nach Eckes (2010, S. 181) würden Geschlechterstereotype nicht so früh in der kindlichen Entwicklung erworben und in hohem Maß kulturell geteilt werden, wenn diese sich nicht als nützlich für die individuelle Orientierung und Handlungsplanung im sozialen Umfeld erweisen würden. Die Nützlichkeit ist abhängig davon, ob sie folgende Funktionen für das Individuum erfüllen:

1. Ökonomie
Maximierung von Informationsgehalt bei Minimierung des kognitiven Aufwands

2. Inferenz
Reduktion der Unsicherheit durch Schlüsse auf nicht direkt beobachtbare Merkmale

3. Kommunikation
Sprachliche wie nichtsprachliche Verständigung zwischen Menschen

4. Identifikation
Selbstkategorisierung mit dem Ziel eines kohärenten Selbstkonzepts

5. Evaluation
Bewertung von Eigengruppen (d. h. Gruppen, zu denen sich ein Individuum selbst zählt) und ihren Merkmalen in Relation zu Fremdgruppen

Eckes (2010, S. 181) stellt jedoch fest, dass diese Globalstereotype, also Stereotype über die allgemeinen Kategorien „Männer“ und „Frauen“, zu weit und zu unscharf gefasst wären, als dass sie die o. g. fünf Funktionen ausreichend erfüllen können. Diese Globalstereotype sind „strukturell heterogen, sie setzen sich aus einer Reihe spezifischer und in sich homogener Kategorien zusammen, deren mentale Repräsentation Substereotype genannt wird.“[9] Eckes führt beispielhaft den Frauentyp der „Karrierefrau“ (beschrieben als dominant, kühl, selbstbewusst) an, deren Stereotype im klaren Gegensatz zum Globalstereotyp „Frau“ (warmherzig, führsorglich, weich) steht.

Bei Personen mit abweichender Geschlechtsidentität werden in besonderem Maße die jeweils auf das biologische Gegengeschlecht assoziierten Stereotype angewendet. Nachfolgende Tabelle zeigt die Ergebnisse[10] der Umfrage auf die Frage „Welche Eigenschaften treffen Ihrer persönlichen Meinung nach auf Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität zu?“. Die Frage wurde getrennt nach biologischen Männern und biologischen Frauen gestellt.

Auswertung Online-Umfrage "geschlechtstypische Eigenschaften" bei biologischen Frauen mit männlicher Geschlechtsidentität (n=76)



Auswertung Online-Umfrage "geschlechtstypische Eigenschaften" bei biologischen Frauen mit männlicher Geschlechtsidentität (n=76)



Die vorgenannten Auswertungen zeigen deutlich, dass typisch weibliche Stereotype (s. nachfolgenden Abschnitt „9.4 Typisch Mann - Typisch Frau“, S. 65f) auf biologische Männer mit weiblicher Geschlechtsidentität besonders stark assoziiert werden. Biologische Frauen, welche sich eher zu einer männlichen Geschlechtsidentität bekennen, werden auch verstärkt mit typisch männlichen Eigenschaften bewertet.

Die Wirkungen der Stereotype und deren Auswirkungen auf das Erlangen einer bestimmten beruflichen Position haben, nach Auswertung der Online-Umfrage (n=138), auf Männer, die sich nicht geschlechterkonform verhalten oder auftreten einen deutlich größeren Einfluss, als auf Frauen. So gaben 39,86 % der Umfrageteilnehmer_innen an, dass die Auswirkungen (hier: Ablehnung eines Bewerbers aufgrund bestimmter Eigenschaften) für biologische Männer deutlicher zu spüren sind. Nur 0,72% waren der Ansicht, dass Frauen stärker betroffen sind. Ein(e) Umfrageteilnehmer_in machte dazu folgende Aussage: „Ich schätze, Männer mit weiblicher Geschlechtsidentität hätten es deutlich schwieriger als Frauen mit männlicher. Es ist gesellschaftlich meiner Meinung nach deutlich stärker akzeptiert sich als Frau »männlich« zu verhalten und so auszusehen als andersherum.“. Etwa die Hälfte (50,72 %) sehen hier keinen Unterschied zwischen den biologischen Geschlechtern.

Typisch Mann - typisch Frau

Die meisten Gesellschaften unterscheiden zwischen männlich und weiblich und messen den Geschlechterrollen eine so große Wichtigkeit zu, dass sich die meisten Menschen in westlichen Kulturen ein geschlechtsloses „Selbst“ nicht vorstellen können (Butler, 1990 in Pompper, 2014, S. 101).

Aus der Theorie der Geschlechterstereotype abgeleitet stellt sich nun die Frage. Was ist typisch Mann und was ist typisch Frau und wie sollte der typische Mann oder die typische Frau sein?

Nach Maccoby (2000, S. 15) werden die Begriffe „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ in mindestens drei Bedeutungen verwendet:

1. Eine männliche oder weibliche Person verkörpert bestimmte Eigenschaften, die von der männlichen oder weiblichen Geschlechterrolle in der Gesellschaft, der das Individuum angehört, vorgeschrieben werden.

2. Eine männliche oder weibliche Person verkörpert beispielhaft die Eigenschaften, durch die sich die Geschlechter angeblich unterscheiden. Wie männlich oder weiblich ein Individuum ist, kann anhand bestimmter Attribute gemessen werden, in denen ein regelmäßiger durchschnittlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern besteht.

3. Eine feminine Frau ist eine Frau, die auf Männer attraktiv wirkt und wirken möchte, und ein maskuliner Mann ist ein Mann, der auf Frauen attraktiv wirkt… Wir dürfen jedoch annehmen, dass solche Aspekte des Signalisierens und Reagierens innerhalb einzelner Kulturen und zwischen den verschiedenen Kulturen erheblich variieren. Es gibt weit mehr Möglichkeiten, im Sinne dieser dritten Bedeutung männlich oder weiblich zu sein, als im Sinne der beiden ersten.

Entwicklungspsychologen haben einen Großteil ihrer Forschungsenergie darauf konzentriert, bei Kindern unterschiedliche Grade der „Männlichkeit“ bzw. „Weiblichkeit“ zu identifizieren. Sie haben auch zu klären versucht, welche Lebensumstände zur Folge haben, dass Kinder den Geschlechterstereotypen mehr oder weniger gut entsprechen (Maccoby, 2000).

Durch das Geschlecht beeinflusstes Verhalten oder beeinflusste Einstellungen werden oft in Zusammenhang mit dem eigenen Geschlechtsverständnis gebracht. Es wird vorgebracht, dass sich die Einstellung einer Person zu bestimmten Sachverhalten nach deren eigenem Geschlechtsverständnis richtet. Asendorpf/Neyer (2012, S. 339) widersprechen diesen Aussagen dahingehend, dass sich geschlechtstypische Einstellungen relativ unabhängig vom Geschlechtsverständnis entwickeln. Sie beziehen sich dabei auf eine Studie von Edelbock und Sugawara aus dem Jahr 1978, in der sich bei Vorschulkindern eine Geschlechterstereotypisierung in der Einstellung entwickelt. Die Ergebnisse dieser Untersuchung bringen Asendorpf/Neyer zu dem Schluss: „Die Parallelität zwischen zunehmendem Geschlechterverständnis und zunehmend geschlechtertypischen Einstellungen täuscht einen engen Kausalzusammenhang vor, der nicht zu bestehen scheint.“[11]

In ihrem Buch „Measuring Sex Stereotypes: A Multination Study“ beschreiben Williams und Best eine im Jahr 1982 mit 2.800 Studenten (männlich und weiblich) in 30 Ländern durchgeführte Studie, in der die Probanden aufgefordert wurden, 300 Eigenschaften daraufhin zu bewerten, ob die Eigenschaft (bzw. das Wort) in ihrem Kulturkreis eher als männlich oder eher weiblich assoziiert wird. Williams und Best werteten eine Eigenschaft dann als ein Geschlechterstereotyp, wenn mindestens 2/3 der Probanden diese Eigenschaft einem bestimmten Geschlecht zugewiesen haben.
Die nachfolgende Tabelle (Williams/Best, 1990) zeigt eine Übersicht der Worte, welche kulturübergreifen eindeutig als Geschlechterstereotyp gültig sind:

Williams/Best (1928) - A Multination Study


Williams/Best (1990, S. 211) haben festgestellt, dass die Eigenschaften, welche kulturübergreifend als „männlich“ gelten, von deutschen Kindern im Alter zwischen 5 und 8 Jahren deutlich geringer assoziiert werden (58%) als im Gesamtdurchschnitt (71%) der Vergleichsgruppe über alle befragten Länder. Die kulturübergreifenden „weiblichen“ Eigenschaften sind hingegen bei deutschen Kindern stärker verankert (76%) als im Durchschnitt aller Länder (68%).
In der anonymen Online-Umfrage (Frage 19) wurde eine, um persönliche Ergänzungen erweitere, Liste der vorgenannten Eigenschaften verwendet um festzustellen, ob die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diese Wörter wie von Williams und Best (1990) definiert assoziieren. Wie im vorherigen Abschnitt „Geschlechterstereotype“ bereits für einen Ausschnitt der Eigenschaften aufgezeigt, wird die Assoziation von typischen Eigenschaften besonders stark auf Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität angewandt. Eigenschaften bzw. Charakteristika, welche als typisch männliche bzw. weibliche Eigenschaften gelten, werden auch auf Personen übertragen, deren biologisches Geschlecht weiblich bzw. männlich ist, aber das Verhalten, Erscheinungsbild oder die eigene Geschlechtsidentität durch die Person selbst als männlich bzw. weiblich gesehen wird. Eckes (2010, S. 179) hat festgestellt, dass sich seit Jahren ein klares Bild zu Geschlechterstereotypen abzeichnet. Merkmale, die überwiegend mit Frauen in Verbindung gebracht werden lassen sich mit den „Konzepten der Wärme und Expressivität“ (auch: Femininität, Gemeinschaftsorientierung) beschreiben, wohingegen Männer meist mit „Konzepten der Kompetenz oder Instrumentalität“ (auch Maskulinität, Selbstbehauptung) umschrieben werden.

Kulturelle und soziale Entwicklung von Geschlechterrollen

Die meisten Gruppen verfügen über eine Anzahl klar definierter sozialer Rollen. Diese sozialen Rollen legen fest, wie die gruppeninterne Erwartungshaltung zum Verhalten bestimmter Personen ist. Normen definieren Regeln, die für alle Gruppenmitglieder gelten. Die Rollen definieren hingegen, wie sich Personen mit gruppeninternen Positionen innerhalb einer Gruppe zu verhalten haben. Rollen haben ähnliche Funktionen wie soziale Normen, weil die jeweiligen Gruppenmitglieder dadurch wissen, was sie voneinander zu erwarten haben. Sofern sich alle Gruppenmitglieder an das definierte Rollengefüge halten, führt dies zu mehr Zufriedenheit und höheren Leistungen (Barley & Bechky, 1994; Bettencourt & Sheldon, 2001 in Aronson et. al., 2014, S. 312).

Nach Asendorpf/Neyer (2012, S. 334) ist das Geschlecht eines Menschen zumindest ab der Geburt auch kulturell geprägt. Im Englischen wird deshalb zwischen dem biologischen Geschlecht („sex“) und der kulturell geprägten Geschlechterrolle („gender“) unterschieden. „Das Geschlecht ist biologisch definiert („sex“) und im Geschlechterstereotyp einer Kultur bzw. eines Individuums sozial verankert. Darauf basieren kulturspezifische Erwartungen in Form von Geschlechterrollen („gender“)“[12]. Alle Gesellschaften haben bestimmte Erwartungen, wie sich Frauen und Männer zu verhalten haben (Aronson, 2014, S. 314). Die Geschlechterrollen sind Produkte aus Geschlechterbeziehungen, welche als sozial konditionierte Norm über Generationen „weitergegeben“ und verinnerlicht wurden und als „gesunder Menschenverstand“ akzeptiert werden (Pompper, 2014, S. 102). Bischof-Köhler (2011, S. 151) verweist bei der Entstehung von Geschlechterrollen auf die Anpassung der menschlichen Lebensformen in den vergangenen 2 Millionen Jahren vom halbnomadischen Jäger und Sammler hin zum sesshaften Menschen. Die Geschlechterrollen waren ursprünglich dadurch geprägt, dass die Männer für die Jagd, Verteidigung und Sicherung zuständig waren, die Frauen übernahmen das Aufziehen des Nachwuchses und die Fürsorge der Gruppe. Erfolgreiche Jäger konnten die Männer nur sein, wenn sich innerhalb der Gruppe eine Rangordnung gebildet hat. Eine funktionierende Hierarchie innerhalb der jagenden Männergruppe bedingt wiederum, dass die Unterlegenen diese Rangordnung akzeptieren. Männliche Kinder beginnen bald, durch Raufen und Wettkämpfe, diese Rangordnung festzulegen. Daraus hat sich, so Bischof-Köhler (2011, S. 150), bei männlichen Menschen ein Wettbewerbsverhalten entwickelt, was sich nach der Sesshaftigkeit der Menschen weiter verstärkt hat. Eine Änderung der weiblichen Geschlechterrolle konnte nach Bischof-Köhler (2011, S. 150) in dieser Zeit nicht stattfinden, da es dafür noch keine Ersatzinstitutionen für die „Aufzucht und Fürsorge des Nachwuchses“ gab und damit auf die Fürsorglichkeit der Mutter nicht verzichtet werden konnte. Diese Entwicklung wirkt sich auf die heutige Wahrnehmung der Geschlechterrollen aus. Die Einflüsse, welche eine Veränderung der Geschlechterrollen bewirken, wie z. B. Umwelt, Gesellschaft, Beruf usw. wirken sich erst seit den späten 1960er Jahren und damit in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum aus.

Nach Eckes (2010, S. 180) wird das Zusammenwirken von biologischen, sozialen und psychischen Prozessen der Geschlechterdifferenzierung als Geschlechtertypisierung bezeichnet. Dieser Prozess der Geschlechtertypisierung umfasst die gesamte Lebensspanne eines Individuums und unterliegt Entwicklungsprozessen und Prozessen die sozialen Einflüssen ausgesetzt sind. „Entwicklung und sozialer Einfluss bilden eine untrennbare Einheit (Eckes/Trautner 2000, Lippa 2002). Dies ist bei kaum einer anderen sozialen Kategorie so klar wie beim Geschlecht. Eltern, Geschwister, Gleichaltrige, Medien, um nur einige sozio-kulturelle Einflussquellen zu nennen, bestimmen mit, was es bedeutet, Junge oder Mädchen, Mann oder Frau zu sein (Bussey/Bandura 1999, Ruble/Martin/Berenbaum 2006)“[13]

Einflüsse aus Religion, Politik, Umwelt und der Historie

Die Entstehung und Beibehaltung von Geschlechterstereotype und –rollen wird durch Religion, Politik, Umwelt und der Vergangenheit einer Gesellschaft wesentlich beeinflusst.

Religion

Es bestehen mehrfach Zusammenhänge zwischen Geschlecht und Religion. Die religiösen Traditionen, Begriffe, Anschauungen, Symbole und Rituale sind geschlechterspezifisch geprägt. Die Geschlechterrollen, die Bilder, die Stereotype, Ideale und das Selbstverständnis von Frauen und Männern im Rahmen einer bestimmten Kultur korrelieren mit dem jeweiligen religiös-philosophischen Erbe. Eine nicht unerhebliche Position nimmt der Androzentrismus vieler Religionen ein, der das Männliche in das Zentrum stellt (Heller, 2010). Im Judentum, Christentum und Islam wird der Mann als Ebenbild Gottes gesehen und die weltlichen Stellvertreter (Rabbi, Papst, Imam etc.) werden von Männern repräsentiert. Diese Fixierung der großen Weltreligionen Judentum, Christentum, Islam und Buddhismus auf den Mann und die Vermeidung von Frauen als religiöse Subjekte, wirkt stereotypbildend auf deren Anhänger. Diese Religionen haben für die mehrheitliche Akzeptanz patriarchalischer Gesellschaften gesorgt und legitimieren die männlich dominierte Sozialstruktur (Heller, 2010). Erst mit der stärkeren Verbreitung der reformistischen Bewegung (Protestantismus) wurde die männliche Dominanz in den christlichen Religionen abgeschwächt, aber nicht vollständig aufgehoben.
Nahezu alle großen Weltreligionen propagieren heterosexuelle Lebensweisen und lehnen transidente, homo- oder bisexuelle Orientierungen von Menschen ab. Die Ablehnung der von der Heterosexualität abweichenden Lebensweise ihrer Gläubigen geht teilweise soweit, dass diese Personen auch Repressalien und Strafen – bis hin zur Todesstrafe - zu befürchten haben. In vielen islamisch geprägten Staaten, wie z. B. Saudi Arabien, Mauretanien oder dem Sudan, können homosexuelle Handlungen mit dem Tod bestraft werden. Einige Länder unterscheiden deutlich, ob homosexuelle Handlungen von Männern oder Frauen durchgeführt werden. So wird z. B. in Nigeria und Sambia die Homosexualität bei Frauen toleriert, bei Männern jedoch drakonisch bestraft. Diese Länder bezeichnen die männliche Homosexualität als „Geschlechtsverkehr unnatürlicher Art“ oder als „Geschlechtsverkehr gegen die Natur“. Eine Begründung für die Ablehnung bzw. Bestrafung von Homosexualität wird in diesen Ländern überwiegend mit der Nichtvereinbarkeit mit der göttlichen Lehre (Sünde) begründet bzw. des Korans, welcher bei konservativer Auslegung Homosexualität unter Strafe stellt. Lediglich der „Hinduismus“ steht der Nicht-Heterosexualität und Transidentität relativ offen gegenüber und erwähnt in seinen Schriften sogar ein „drittes Geschlecht“.

Viele Menschen rechtfertigen ihre Abneigung gegenüber transidenten oder homosexuellen Menschen mit dem Regelwerk ihrer Religion (z. B. Bibel, Koran etc.). Liest und interpretiert man Aussagen in diesen religiösen Büchern entsprechend, können daraus abneigenden Haltungen die sich gegen die vorgenannten Personen richten rechtfertigen lassen. Dies kann helfen, sich selbst als einen fairen Menschen zu sehen und gleichzeitig Aktionen zu unterstützen (z. B. Demonstrationen gegen die Homo-Ehe oder das Adoptionsrecht von Homosexuellen), die man sonst als unfair oder nicht akzeptabel eingestuft hätte (Aronson et. al, 2008, S. 439). „Die Rolle der Religion ist paradox. Sie schafft Vorurteile und sie beseitigt Vorurteile.“[14] Als ein Ergebnis der Online-Umfrage hat sich gezeigt, dass Personen, welche angaben, religiös zu sein („Religion ist mir wichtig“) auch eine stärker ablehnende Haltung (19,23 %) gegenüber transidenten Personen haben, als nichtreligiöse Personen (3,66 %). Die androzentristische Perspektive und Lehre vieler großer Religionen (Judentum, Christentum und Islam) scheint eine Hürde in der Akzeptanz von Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität darzustellen.

Politik

Eine politische Betrachtung der Geschlechter und Geschlechterrollen ist nicht allgemeingültig durchzuführen. Es müssen hierbei Einflussfaktoren, welche das politische System bilden und tragen berücksichtigt werden. Wie im vorgenannten Abschnitt (Religion) bereits aufgezeigt, sind politische Systeme auch von Religionen beeinflusst bzw. bilden die religiösen Regeln und Gesetze (z. B. die Scharia[15]) sogar die Rechtsgrundlage dieser Länder.
Aus diesem Grund wurden die Betrachtungen auf Länder der Europäischen Union beschränkt. Die Europäische Union hat mit ihrer Gesetzgebung und Rechtsprechung in vielen Bereichen mittlerweile größeren Einfluss auf die Gesellschaft als es nationale Gesetzte und Regelungen haben. In der Einleitung wurde aus einen Abschnitt der Europäischen Menschenrechtskonvention zitiert. Aus diesem lässt sich ableiten, dass eine Andersbehandlung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts (und damit verbunden auch ihrer Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierung) in den Ländern der EU nicht mehr zulässig ist.
Dass dies jedoch noch nicht in allen EU-Ländern so ist, beweist eine Studie der FRA – Agentur der Europäischen Union für Grundrechte aus dem Jahr 2014 (93.079 LBGT-Personen[16]).

Anteil der Befragten, die sich in den vorangegangenen zwölf Monaten aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung diskriminiert fühlten, nach Land und LGBT-Teilgruppe (%), FRA, LGBT-Erhebung in der EU 2012, (2014)


Die Ergebnisse zeigen, dass sich in Deutschland 46 % der befragten Personen mit Diskriminierungen konfrontiert sahen. Ein besonders großer Anteil der Befragten (91 % im EU-Durchschnitt, 90 % in Deutschland) gab an, dass sie insbesondere im Kindes- und Jugendalter negativen Bemerkungen oder Verhaltensweisen ausgesetzt waren. Die für diese Thesis besonders relevante Frage, ob sich die Befragten in den vergangenen 12 Monaten bei der Arbeitssuche oder am Arbeitsplatz aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung oder ihrer Geschlechtsidentität diskriminiert fühlten, wurde ebenfalls gestellt. Hier zeigt sich, dass sich Personen mit abweichender Geschlechtsidentität am stärksten von Diskriminierung betroffen fühlen (29 %).

Anteil der Befragten, die sich in den vorangegangenen zwölf Monaten bei der Arbeitssuche oder am Arbeitsplatz aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung oder ihrer Geschlechtsidentität diskriminiert fühlten, nach Land und LGBT Teilgruppe (%), FRA, LGBT-Erhebung in der EU 2012, (2014)


Personen mit abweichender Geschlechtsidentität werden häufig Opfer von Angriffen und Gewalt. In der FRA-Umfrage gaben 42 % der Befragten an, in den vergangenen 12 Monaten drei oder mehr Mal Opfer eines Angriffs geworden zu sein oder dass ihnen Gewalt angedroht wurde. Im politischen wie auch im Alltagsdiskurs werden Diskriminierungen von Menschen mit nicht-normativen sexuellen Lebensweisen häufig in Frage gestellt. Insbesondere Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität berichten, wie die LGBT-Studie der FRA zeigt, nach wie vor von massiven Diskriminierungen im Alltag und beruflichen Umfeld.

Kultur und Umwelt

Der Einfluss auf das Verhalten und Empfinden eines Individuums wird auch geprägt durch den Kulturkreis bzw. die Umwelt, in welcher das Individuum lebt. Hierbei wirken die Faktoren, welche bereits den Abschnitten „Religion“ und „Politik“ beschrieben wurden auf diese Kulturkreise und Gesellschaften insgesamt. Dennoch können Religion und Politik nicht alleine für Entwicklung und das Verhalten einer Gesellschaft verantwortlich gemacht werden. Zu betrachten gilt es auch die Natur- und Umwelteinflüsse sowie die Lebensform der Menschen innerhalb der Kultur an sich. Beispielsweise sind nomadische Kulturen von anderen Faktoren beeinflusst, wie sesshafte oder industriell geprägte Kulturen, in Wüstenregionen sind sie anderen natürlichen Einflüssen ausgesetzt, wie Kulturen in gemäßigten Zonen. Die jeweiligen „Überlebensstrategien“, welche zum Erhalt der Gesellschaft (oder Gruppe) notwendig sind, bewirken, dass sich daraus z. B. auch unterschiedliche Aufgaben- und Rollenverteilungen für die Geschlechter ergeben.

Historische Einflüsse

Diese Arbeit betrachtet den deutschsprachigen Kulturraum und dabei im Wesentlichen Deutschland. Deutschland, wie wir es heute kennen, ist entstanden aus einer Vielzahl von kleineren Gebieten mit verschiedenen Völkern und zahlreichen Kriegen und Auseinandersetzungen. Die wohl größten Einflüsse aus der jüngeren Vergangenheit können sicherlich den zwei Weltkriegen zugeschrieben werden. Die heutige Gesellschaft ist teilweise noch immer beeinflusst von der Diktatur der Nationalsozialisten (1933-1945), da noch Menschen leben, die in diesem diktatorischen System aufgewachsen und sozialisiert wurden. Die Geschlechterrollen von „Mann“ und „Frau“ waren in der nationalsozialistischen Ideologie eindeutig festgelegt. Durch die Jugendorganisationen „Deutsches Jungvolk“ (DJ, für Jungen zwischen 10 und 14 Jahren), „Hitlerjugend“ (HJ, für Jungen zwischen 14 und 18 Jahren), „Jungmädelbund“ (JM, für Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren) und „Bund Deutscher Mädel“ (BDM, für Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren) wurden Kinder und Jugendliche bereits früh auf ihre zukünftige Rolle in der nationalsozialistischen Gesellschaft vorbereitet. Mädchen wurden auf ihre Aufgaben als Hausfrau und Mutter, Jungen auf die soldatischen Eigenschaften, wie Tapferkeit und Kameradschaft, hin erzogen. Die Nationalsozilisten bezeichneten Personen, welche die ihnen durch das Regime zugewiesene Rolle ablehnten (z. B. Homosexuelle, transidente Personen etc.) als „abartig“ und nicht „lebenswert“. Die Personen wurden verfolgt und viele davon verloren ihr Leben in den Vernichtungslagern (KZ).[17]

Diese, in dieser Zeit vermittelten starren Rollenbilder, haben teils noch heute großen Einfluss. Personalentscheidungen werden teilweise noch von Menschen getroffen, welche selbst noch in diesem System aufgewachsen sind oder von Eltern erzogen wurden, die durch dieses System geprägt wurden.
Erst bei Generationen, welche nicht mehr unter dem unmittelbaren oder mittelbaren Einfluss des Nationalsozialismus sozialisiert wurden (und werden), wird eine allmähliche Veränderung der Einstellung festgestellt werden können.

Stereotyp-Bedrohung

Unter dem Begriff Stereotyp-Bedrohung wird verstanden, dass eine Bedrohung (bzw. Angst) bei einer Person dadurch hervorgerufen wird, dass diese nur annimmt, dass andere Menschen sie mit einem negativ besetzten Vorurteil (Stereotyp) belegen. Diese Angst kann die betreffende Person dahingehend beeinflussen, dass sie ihr Verhalten, wie im Vorurteil erwartet, verändert und es letztendlich zu einer Bestätigung des Vorurteils („selbsterfüllte Prophezeiung“) führt. Die Bezeichnung Stereotyp-Bedrohung (stereotype threat) wurde 1995 erstmals von Steele und Aronson in Zusammenhang mit Experimenten mit schwarzen und weißen Amerikanern verwendet. Sie haben nachgewiesen, dass die schwarzen Probanden in den Tests schlechter abgeschnitten haben, wenn diesen vorher angekündigt wurde, dass es sich um sehr schwierig zu lösende Aufgaben handelt und schwarze Menschen für gewöhnlich schlechter abschneiden als weiße. Wurde diese Information am Anfang des Tests nicht gegeben, schnitten die schwarzen Testteilnehmer nicht schlechter und teilweise sogar deutlich besser ab als die Weißen.

„Je mehr man mich als Frau behandelte, desto mehr wurde ich eine Frau. Nolens volens passte ich mich an. Wenn man mich für unfähig hielt, ein Auto einzuparken oder eine Flasche zu öffnen, dann merkte ich, dass ich mich kurioserweise tatsächlich unfähig fühlte. Wenn vermutet wurde, dass ein Fall für mich zu schwer sei, dachte ich das unerklärlicherweise selbst.“

Morris, Jan (1987), Conundrum aus Fine, Cordelia (2010), Die Geschlechterlüge, Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann, Klett-Cotta, Stuttgart


Diese Effekte wurden in vielen Studien zur Genderforschung nachgewiesen. Frauen, denen vor einem Mathematiktest in gemischtgeschlechtlichen Gruppen mitgeteilt wurde, dass Frauen generell eine geringere Begabung für Mathematik haben, schneiden bei diesen Tests schlechter ab als die Männern und sind auch schlechter als die Frauen in der Kontrollgruppe, die nicht vor dem Test durch diesen Stereotyp beeinflusst wurden (Fine, 2010, S. 72).
Auf Personen, deren Geschlechtsidentität nicht mit ihrem biologischen (genetischen) Geschlecht übereinstimmt, wirkt eine Vielzahl dieser Stereotyp-Bedrohungen ein. So werden transidente Menschen oft nicht nur mit Vorurteilen des ihren biologischen Gegengeschlechts entsprechenden Stereotype belegt, sondern meist auch noch mit den Vorurteilen, welche Menschen mit abweichender sexueller Orientierung zugeschrieben werden. Allein die bloße Angst vor einer möglichen Diskriminierung oder Abwertung kann die Stereotyp-Bedrohung auslösen und letztendlich dazu führen, dass die betreffende Person sich genau so verhalten wird, obwohl die Person weiß, dass die Vorurteile nicht stimmen oder gänzlich falsch sind.

Assoziation von geschlechtstypischen Eigenschaften bei biologischen Männern (Balk, 2014)


In der Online-Umfrage konnte die Wirkung der Stereotyp-Bedrohung bestätigt werden. Insbesondere bei biologischen Männern, welche angegeben haben, dass sie sich als „Frau fühlen“ bzw. „eher als Frau fühlen“ zeigte sich deutlich, dass die betroffenen Personen, die in Bezug auf Führungsfähigkeit und -kompetenz vermeintlich „negativen“ weiblichen Stereotype besonders stark mit sich selbst assoziierten.

Das männliche Modell der Führung

Pompper (2014, S. 102) bezieht sich auf West & Zimmermann (1987) und ist der Meinung, es wäre hilfreich, das Thema „Geschlecht“ im Arbeitsumfeld im Sinne von „Männlichkeit“ (dominance) und „Weiblichkeit“ (deference) als ideologische und konstante Hierarchie zu betrachten.
Völkerkundler und Anthropologen gehen meist davon aus, dass matriarchalische Familien- und Gesellschaftsformen ursprünglich bestanden und erst in der späteren Entwicklung der Menschheit von patriarchalischen Strukturen verdrängt wurden (Kasten, 2003, S. 160). Diese Ansicht vertritt auch Lietaer (2000) in seinem Buch „Mysterium Geld“. Es wird auch angenommen, dass über viele Jahrtausende kein Geschlecht über das andere dominierte. Kasten (2003, S. 160) begründet dies mit den klimatischen und geografischen Gegebenheiten, die die Grundlage für die arbeitsteiligen Organisationsformen zwischen Männern und Frauen bildeten. Zudem sind biologische Aspekte, nämlich die, dass Frauen die Kinder gebären und stillen dafür verantwortlich, dass Frauen in diesen früheren Gesellschaften einer räumlichen Einschränkung unterlagen. Männer hingegen waren bei der Jagd oder beim Fischfang, weiträumiger und länger abseits der Unterkunft, aktiv. Nach Kasten (2013, S. 161) besteht Einigkeit darüber, dass der Übergang der Gesellschaftsform von Jägern und Sammlern hin zu Ackerbau und Viehzucht die Position der Frau in der Gesellschaft schwächte. Der Verlust an Status für die Frau könnte, laut Kasten, auch damit zusammenhängen, dass die Schaffung von Eigentum (Ackerland, Nutzvieh, Vorräte etc.) die leibliche Verwandtschaft (Vererbung, Weitergabe der Werte/Güter an die nächste Generation) und Familie immer wichtiger werden ließ. „Auf dem Arbeitsmarkt und im Beschäftigungssystem wirken ebenfalls Exklusionsmechanismen, die entlang einer Geschlechterlinie in Bezug auf die Spitzenpositionen segregieren.“ (Macha, 2001, S. 117).
Diese „Vermännlichung“ der Gesellschaft führte auch zu einer Dominanz des „Männlichen“ in der Führung von Organisationen und Unternehmen. Laut Aronson et. al (2014, S. 334) glauben viele Menschen, dass gute Führungskräfte handlungsbestimmte (agentic) Persönlichkeitsmerkmale haben sollten. Dazu zählen u. a. Kraft, Bestimmtheit, Dominanz, Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein. Diese Eigenschaften werden traditionell mit dem Bild des Mannes verbunden und wurden in der Online-Umfrage bestätigt.

Männliche Eigenschaften (aus Online-Umfrage – 138 Personen)


Die Erwartung an Frauen hingegen ist, dass sie kommunikationsbestimmt (communal) sind. Eigenschaften wie Wärme, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Liebe werden mit weiblichen Eigenschaften assoziiert. Wenn Frauen sich diesen „gesellschaftlichen Normen“ entsprechend verhalten, werden ihnen geringere Führungskompetenzen zugeschrieben (Aronson et. al., 2014, S. 335). Wie aus den nachfolgenden Ergebnissen der Umfrage ersichtlich ist, werden insbesondere biologische Männer mit abweichender Geschlechtsidentität besonders mit weiblichen Eigenschaften belegt. Dies hat zur Folge, dass ihnen ebenfalls weniger Führungspotential und –kompetenz zugesprochen wird.
Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass der Führungsstil einer Person seinen Geschlechterstereotypen entspricht (Eagly/Johnson, 1990, S. 242). „Die Macht, das Geld und die Forschungspolitik liegen in dieser Welt vor allem in der Hand von Männern.“ (Macha, 2011). Die „Männlichkeit“ wird folglich als Standard für die Führung manifestiert und alle anderen sozialen Identitäten (Frauen, Minderheiten mit anderen ethnischen und sexuellen Orientierungen/Identitäten) werden als gegensätzlich und geringwertiger eingestuft (Pompper, 2014, S. 102). Unabhängig von der sozialen Klasse haben Männer mehr Zugang zu Macht und mehr Privilegien als Frauen, so dass berufstätige Männer mehr Vorteile aus der männlichen Dominanz ziehen können (Pompper, 2014, S. 108). Dies tritt besonders hervor, wenn Personen, welche die traditionellen Geschlechternormen nicht erfüllen, sich gegengeschlechtlich kleiden und sich konsequent gegen die Erwartungen der Mehrheit bezüglich des biologischen Geschlechts wenden, betroffen sind. Die meisten Organisationen fördern ein Arbeitsumfeld der „Geschlechtsblindheit“ und bevorzugen ein „business-as-usual“ (Pompper, 2014, S. 112).

Eine aktuelle Studie von Bain & Company (2015, S. 6) nennt drei Hauptfaktoren, die die Karriereentwicklung von Frauen einschränken. Ein maßgeblicher Faktor sind die männlich geprägten Rollenvorstellungen. Zudem sind zu wenige weibliche Führungspersonen vorhanden, die als Vorbild dienen können. Die fehlende Unterstützung und Förderung durch Vorgesetzte wird in der Studie als dritter Grund genannt. Die genannten Karrierehemmnisse lassen sich nahezu ohne Einschränkungen auch auf Personen mit abweichender Geschlechtsidentität übertragen.
Pompper (2014, S. 112) gibt drei „Störfaktoren“ an, welche Unternehmen und Organisationen in Bezug auf Mitarbeiter_innen mit abweichender Geschlechtsidentität gerne vermeiden wollen:

1. Mitarbeiter_innen die nicht in der Lage sind, ihre Androgynität oder Metrosexualität[18] gegenüber den Arbeitskolleginnen und –kollegen zu verbergen.

2. Wenn (biologische) Männer weibliche Kleidung tragen.

3. Transidente Personen, welche eine Geschlechtsänderung (Geschlechtsanpassung) durchführen.

Geschlechterstereotype im beruflichen Umfeld

„Ich hatte einmal eine Arbeitsgruppe, in der ein Mann mit abweichender Geschlechtsidentität mitarbeitete. Bei dem Versuch, weitere Mitwirkende zu werben, bekam ich eine Absage von einem Mann mit der Begründung, mit »dem möchte ich nicht in einer Gruppe sein«."

Aussage einer/eines Umfrageteilnehmerin/Umfrageteilnehmers zur Frage „Welche Unterschiede im Umgang, in der Akzeptanz bzw. im Verhalten gegenüber biologischen Männern, deren Geschlechtsidentität eher weiblich ist und biologischen Frauen, deren geschlechtliche Identität eher männlich ist existieren in Ihrem Unternehmen?“


Stellen Sie sich vor, ein männlicher Bankangestellter würde nicht im dunklen Anzug und frisch gebügelten Hemd mit Krawatte, sondern mit Rock und Rüschenbluse vor Ihnen stehen. Würden Sie dieser Person zutrauen, Ihr Geld sicher und gewinnbringend zu verwalten? Oder die Arzthelferin Ihres Hausarztes sitzt mit Anzug und Krawatte hinter ihrem Tresen und fragt sie nach dem Grund ihres Arzttermins. Würden Sie dieser Frau Ihr Leiden schildern? Wahrscheinlich lautet die Antwort überwiegend. „Nein“. Doch warum beurteilen wir Menschen, gerade im beruflichen Umfeld und in Bezug auf ihre beruflichen Qualifikationen, nach diesen äußeren Merkmalen? Hier kommen die im Abschnitt „Theorie der Stereotype“ auf Seite 55 beschriebenen Stereotype wieder ins Spiel. Wir sehen die Person und unterbewusst werden die Stereotype, und die damit assoziierten weiteren Stereotype, aktiviert.

Unternehmen und Organisationen rekrutieren ihre Führungskräfte in der Form, dass Führungskräfte darüber entscheiden, wer welche Position bzw. Rolle im Unternehmen einnehmen darf (Eagly/Johnson, 1990). Um eine bestimmte Position innerhalb eines Unternehmens zu erhalten, muss folglich eine Bewerberin bzw. ein Bewerber die Erwartungen der Entscheidungsträger erfüllen. Nach Aronson (2014, S. 262) kann dies dazu führen, dass Beweber_innen ihr Verhalten (und ihre Erscheinung) an diese Erwartungen anpassen, ohne jedoch tatsächlich selbst davon überzeugt zu sein. Sie versuchen lediglich, den Erwartungshaltungen zu entsprechen, innerlich distanzieren sie sich aber davon.

Geschlechterstereotype Erwartungen

Das vermutete Vorhandensein von bestimmten Eigenschaften oder Charakteristika in Bezug auf das Geschlecht einer Person wirkt sich auch darauf aus, welche Erwartungen z. B. für Personalentscheidungen verantwortliche Personen gegenüber Bewerber_innen (zur Neubesetzung einer Stelle oder zur Beförderung innerhalb des Unternehmens) haben. Die geschlechterstereotypen Erwartungen bzw. Assoziationen unterscheiden sich deutlich, ob der/die Beurteilende (z. B. Personalentscheider) sich selbst dem biologischen Geburtsgeschlecht zugehörig fühlt oder nicht. Nachfolgende Tabelle zeigt exemplarisch, dass viele „typisch männliche“ Eigenschaften[19], von Männern mit abweichender Geschlechtsidentität deutlich stärker dem männlichen Geschlecht zugewiesen werden als von Männern, die angaben, sich selbst als Mann zu fühlen. Die „typisch weiblichen“ Eigenschaften werden durch transidente Männer ebenfalls verstärkt als weiblich empfunden.
Betrachtet man die Ergebnisse der Online-Umfrage dahingehend, dass die Eigenschaften von transidenten Menschen allgemein beurteilt werden sollen, ergeben sich die nachfolgenden Einstellungen der Umfrageteilnehmer_innen. Die in pink dargestellten Tabellenzeilen repräsentieren die Werte, die (biologisch) weiblichen Personen, deren Geschlechtsidentität jedoch männlich ist, zugewiesen wurden. Die blauen Tabellenzeilen geben die Werte wieder, die (biologisch) männlichen Personen mit abweichender Geschlechtsidentität zugerechnet werden.

Umfrageergebnisse - Eigenschaften transidenter Personen (n=138)


Auffällig ist, dass insbesondere die weiblichen Stereotype (nach Williams/Best, 1990) verstärkt auf Männer mit abweichender Geschlechtsidentität angewandt werden. Exemplarisch werden hier die vier nachfolgenden „typisch weiblichen“ Eigenschaften aufgeführt.

Typisch weibliche Eigenschaften (nach Williams/Best) und deren Zuordnung auf transidente Männer


Typisch männliche Eigenschaften werden transidenten Männern nahezu nicht zugesprochen. Auch hier werden exemplarisch vier Eigenschaften aufgezeigt:

Typisch weibliche Eigenschaften (nach Williams/Best) und deren Zuordnung auf transidente Männer


Die Ergebnisse der Online-Umfrage zeigen, dass die gegengeschlechtlichen Stereotype auf Personen mit abweichender Geschlechtsidentität sehr stark assoziiert werden.
Wie im vorhergehenden Abschnitt „Das männliche Modell der Führung“ (Seite 79ff) dargestellt, werden für Führungspersönlichkeiten noch immer Eigenschaften gefordert, welche überwiegend als „männlich“ angesehen werden. Da auf transidente Männer besonders stark weibliche Stereotype und damit für Führung eher „unerwünschte“ Eigenschaften assoziiert werden, lässt sich daraus schließen, dass die Möglichkeiten auf eine berufliche Karriere oder das Erreichen einer angestrebten höheren Position stark eingeschränkt sind.

Bewerbung und Rekrutierung

In der Online-Umfrage konnte bestätigt werden, dass das äußere Erscheinungsbild und die nach außen gezeigte Geschlechtsidentität einen wesentlichen Einfluss auf den Erfolg einer Bewerbung haben. Von 138 Umfrageteilnehmer_innen gaben 41,30 % an, dass der Wunsch gegengeschlechtliche Kleidung tragen zu wollen, bei männlichen Stellenbewerbern[20] zur Ablehnung führen würde. Bei einer weiblichen Bewerberin hingegen gaben nur 25,36 % der Umfrageteilnehmer_innen an, dass das Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung ein Ablehnungsgrund wäre. Auch die Aussage, dass der/die Berwerber_in in naher Zukunft sein Geschlecht ändern möchte (Transsexualität), führt zu einer hohen Ablehnungsquote (männlicher Bewerber: 23,19%, weibliche Bewerberin: 21,01 %). Eine große Mehrheit (57,97 %) der Befragten gaben an, dass transidente Personen in ihrem Unternehmen nicht die gleichen Aufstiegschancen haben.
Gerade in „konservativen“ Branchen, wie z. B. bei Banken und Sparkassen, finden betroffene Personen kaum Verständnis für ihre Situation. Bei den Teilnehmern der Online-Umfrage aus dem Bereich „Finanzdienstleistungen“ (26 Personen) wurden folgende Gründe genannt, warum ein (biologisch) männlicher Bewerber bzw. eine (biologisch) weibliche Bewerberin abgelehnt werden würde:

Ablehnungsgründe für Bewerber_innen bei Finanzdienstleistern


Exemplarisch für das Vorgenannte wird eine Aussage eines männlichen Umfrageteilnehmers aus der Branche Finanzdienstleistungen zitiert:

„Es wird darauf geachtet, dass in Kundenbeziehungen keine Mitarbeiter eingesetzt werden, bei denen es zu Irritationen beim Geschäftspartner kommen könnte. Die Mitarbeiter/Innen repräsentieren die Bank. Seriosität soll Vertrauen schaffen. Menschen, die ihre Identität zeigen wollen, können durchaus als Spezialisten erfolgreich sein. Es kommt immer darauf an, wo der berufliche Einsatz erfolgen soll. Das Erscheinungsbild nach außen orientiert sich immer nach marketingspezifischen Gesichtspunkten. Auch ein Mitarbeiter muss sich an diesen Strategien orientieren.“

Im Vergleich dazu die Ergebnisse über alle Branchen:

Ablehnungsgründe für Bewerber_innen über alle Branchen (der Umfrage)


Nach den geltenden Gesetzen (z. B. Grundgesetz, Allgemeines Gleichstellungsgesetz etc.) und den geltenden Menschenrechtskonventionen dürften die in den Tabellen genannten Gründe eigentlich nicht zur Ablehnung führen. Die Umfrageergebnisse zeigen jedoch, dass die Realität, insbesondere in „konservativen“ Branchen anders aussieht.

Folgen eines "Outings"

Rauchfleisch (2013, S. 72) stellt die Frage, ob ein Coming-out am Arbeitsplatz überhaupt gelingen kann. Er führt hierbei die Zweifel von Angehörigen, Kolleginnen und Kollegen sowie Vorgesetzten an, dass die betreffende Person den bisher ausgeübten Beruf bzw. die bisherige Position nicht mehr weiterführen kann. Ist eine transidente Person überhaupt noch tragbar? Muss auf Kundinnen und Kunden Rücksicht genommen werden, die dies nicht akzeptieren könnten? Oder wird die Transidentität zum Anlass genommen, sich von einem unliebsamen Mitarbeiter zu trennen? Welche, vielleicht verhängnisvolle, Folgen hätte ein Coming-out für eine transidente Person? Ein Coming-out in „Raten“ (bzw. dosiert) ist nach Rauchfleisch (2013, S. 83) nicht möglich. Der Rollenwechsel muss sich von einem Tag auf den anderen vollziehen. Rauchfleisch rät auch dazu, zu prüfen, ob die Ängste realistisch sind und ob tatsächlich große berufliche Nachteile folgen können. In diesem Fall rät Rauchfleisch, das Outing am Arbeitsplatz zurückzustellen. Eine sorgfältige Planung und Absprache mit Vorgesetzten und Geschäftsleitung wird dringend empfohlen.

Es ist schwierig, im Vorfeld zu wissen, wie das Arbeitsumfeld auf ein Outing reagieren wird. Einerseits ist damit zu rechnen, dass die betroffene Person von anderen Mitarbeiter_innen verspottet oder gar bedroht wird. „Die Befürchtungen von Transmenschen und ihren Angehörigen, durch das Coming-out entstünden am Arbeitsplatz große Probleme, entspricht im Allgemeinen nicht in dem Maße der Realität, wie oft angenommen.“[21] Mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer_innen (57,97 %) anderer Meinung wie Rauchfleisch und gaben an, dass andere Mitarbeiter_innen über eine transidente Person lästern würden und besonders Männer (50,72 %) würden sich über diese Person lustig machen.

Die nachfolgende Darstellung zeigt die Umfrageergebnisse im Detail.

Auswirkungen eines "Outings" (n=138)


Von den Teilnehmer_innen der Online-Umfrage (n=138) gaben 53 Personen (38,41 %) an, dass ein Outing die beruflichen Aufstiegschancen der betreffenden Person in ihrem Unternehmen stark einschränken würde. Zur Frage „Sie haben angegeben, dass Sie der Meinung sind, dass Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität nicht die gleichen Aufstiegschancen haben. Können Sie kurz erläutern bzw. begründen, warum dies so ist?“ wurden in der Online-Umfrage Aussagen getätigt, wie z. B. „Männer, die Frauenkleider tragen mit Sicherheit nicht, das ist abartig, bei Frauen ist mir das egal.“, „Unsere Kunden würden das nicht akzeptieren.“, „Angeblich ist das unseren Kunden nicht zuzumuten.“ oder „…der Vorstand ist sehr konservativ eingestellt, solche Personen sollen woanders arbeiten.“

Dass ihr Unternehmen Maßnahmen ergreift, um betroffene Personen nach einem Outing zu schützen bzw. deren Akzeptanz im Unternehmen zu sichern, nannten 28,64 % der Umfrageteilnehmer_innen.

[1] Daniel Kahnemann (2012), Schnelles Denken, langsames Denken, Siedler Verlag, München
[2] Zugänglichkeit (accessibility): Das Ausmaß, in dem Informationen leicht gefunden und abgerufen werden können. (Jonas et. al. 2014, S. 113).
[3] v. Bodenhausen/Macrae (2013) in Wyer Jr, R. S., & Wyer Jr, R. S. (Eds.). (2013). Stereotype activation and inhibition: Advances in social cognition (Vol. 11). Psychology Press., S. 6
[4] Vgl. Francois Ewald, »Norms, Discipline and the Law«; ders., »Eine Macht ohne Draußen«; Charles Taylor, »To Follow a Rule«.
[5] Buttler (2011, S. 73), Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt
[6] Aulenbacher et. al, 2010, S. 159
[7] Asendorpf/Neyer, (2012), S. 334 [8] Kahneman (2012), S. 190
[9] Eckes,Thomas, (2010), in Becker/Kortendiek (2010), S. 181
[10] 76 Personen, ausgewertet wurden nur Antworten von Umfrageteilnehmer_innen, die angegeben haben, über Führungsverantwortung zu verfügen
[11] Asendorpf/Neyer, (2012), S. 339
[12] Asendorpf/Neyer, (2012), S. 334
[13] Eckes, Thomas, (2010), in Becker/Korthendiek (2010), S. 180
[14] Gordon Allport (1954, S. 444) aus Aronson et. al. (2008, S439)
[15] Scharia: islamisches Recht, die Scharia bildet die Gesamtheit der Gesetze, die in einer islamischen Gesellschaft zu beachten und zu erfüllen sind (https://de.wikipedia.org/wiki/Scharia, Abruf 17.10.2014)
[16] Innerhalb der Transgender Gruppe (6771 ErhebungsteilnehmerInnen) bildeten Personen, die zum Zeitpunkt der Umfrage transsexuell waren oder eine transsexuelle Vergangenheit hatten (1813), Transgender Personen (1066), Queer Personen (1016) und „Sonstige“ (1683), die größten Teilgruppen. Zwei Drittel (62 %) der befragten Transgender Personen erklärten, bei der Geburt seien sie männlich gewesen, während 38 % bei der Geburt weiblich waren. (FRA, 2014, S. 31)
[17] Nach Erzählungen und Aufzeichnungen meiner Großeltern, die diese „Jugendorganisationen“ selbst durchlaufen haben und die Durchsetzung der Rollenbilder durch das System selbst erlebt haben
[18] Der Begriff Metrosexualität, der aus „metropolitan“ und „heterosexual“ zusammengesetzt ist, bezeichnet nur nebenbei eine sexuelle Orientierung und keine Sexualpräferenz, sondern einen extravaganten Lebensstil heterosexueller Männer, die keinen Wert auf Kategorisierung in ein maskulines Rollenbild legen. Der Ausdruck metrosexual (engl.) wurde 1994 erstmals vom britischen Journalisten Mark Simpson publiziert. (Quelle: wikipedia.de, Abruf 02.01.2015)
[19] nach Wiliams/Best (1990) [20] trotz Vorhandensein aller geforderten Qualifikationen, Berufserfahrung, Vergütungsforderung und positiver Bewertung bei einem vorherigen persönlichen Telefongespräch mit dem Bewerber/der Bewerberin
[21] Rauchfleisch (2013), S. 83



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