Geschlecht und Geschlechterrollen

Um die Forschungsfragen besser zu erfassen, ist es zunächst notwendig zu klären, was Geschlecht im eigentlichen Sinne ist, welche Funktionen – neben der Fortpflanzung – dem Geschlecht in einer Gesellschaft (und somit auch in einem Unternehmen) zukommen und warum das psychologische Geschlecht nicht immer mit dem biologischen Geschlecht (Geburtsgeschlecht) übereinstimmt. Küppers (2012, S. 4) beschreibt „Geschlecht“ als eine von gesellschaftlichen und politischen Vorstellungen geprägte Praxis und nicht als direktes Abbild der Natur. Es ist das Ergebnis eines langwierigen gesellschaftlichen Prozesses der nicht nur den natürlichen Geschlechtskörper, sondern auch die Geschlechterrollen, -normen und -identitäten umfasst (Mairhofer, 1995 in Küppers, 2012, S. 8).

Um das Verhalten der Gesellschaft und Unternehmen gegenüber Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität zu verstehen und zu erklären, muss erörtert werden, wie Geschlechterrollen entstehen und welchen Einfluss diese Rollenbilder auf das Verhalten haben. Es ist daher sinnvoll, zunächst eine reduzierten Betrachtung der Geschlechter (und Geschlechterrollen) nach den biologischen Geschlechtern „Frau“ und „Mann“ durchzuführen. Aus dem vorgenannten wird folgende These abgeleitet:

Die Unterschiede zwischen biologischen Geschlechtern „Frau“ und „Mann“ können zur Erklärung des Verhaltens von Personen und Unternehmen gegenüber Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität dienen.

Geschlecht

Das Geschlecht ist ein biologisches Faktum. Ob jemand ein Junge oder ein Mädchen, ein Mann oder eine Frau ist, lässt sich meist sehr genau aus den äußeren Geschlechtsorganen (Scheide oder Penis) schließen, deren Beschaffenheit fast perfekt mit dem chromosomalen Geschlecht (XX oder XY) korreliert (Asendorpf/Neyer, 2012, S. 334). Die Unterschiede der Geschlechter aus rein genetischen Aspekten sind jedoch zu kurzsichtig. Um Geschlecht richtig zu erfassen und zu definieren, müssen verschiedene Ebenen betrachtet werden: der genetischen, der hormonellen, der neuronalen und der Verhaltensebene.

Genetisches Geschlecht

Der Mensch gehört zu den Lebewesen, die über ein XX/XY-System (für Säugetiere typisch) zur chromosomalen Geschlechtsbestimmung verfügen. Genetische Frauen verfügen über zwei X-Chromosomen (XX), Männer hingegen über ein X- und ein Y-Chromosom (XY). Beim Y-Chromosom handelt es sich um ein verkürztes X-Chromosom. Die beiden Chromosomen (X und Y) haben teilweise identische Sequenzen. Genetisch ist das Geschlecht definiert durch ein einziges Gen im Genom eines Menschen. Die „Sex Determining Region of Y-Gen“ (SRY-Gen) auf dem Y-Chromosom bestimmt das genetische Geschlecht eines Menschen. Die biologischen Geschlechtsmerkmale werden weitestgehend durch dieses Gen festgelegt.

Hormonelles Geschlecht

In den ersten 6 Wochen der embryonalen Entwicklung sind zunächst alle Föten weiblich. Etwa in der 7. Schwangerschaftswoche werden durch Aktivität des SRY-Gens und anderer, verbundener Gene die Bildung der jeweiligen Geschlechtsorgane ausgelöst. Diese Aktivitäten führen zur Produktion von Geschlechtshormonen (z. B. das männliche Hormon Testosteron bzw. die weiblichen Hormone Östrogen und Progesteron), welche die organische Entwicklung beeinflussen. Jedoch wäre es falsch anzunehmen, dass ein männlicher Fötus nur männliche und ein weiblicher Fötus nur weibliche Hormone produziert. Sowohl männliche als auch weibliche Föten bilden sowohl Testosteron als auch Östrogen und Progesteron (sowie andere Geschlechtshormone). Beeinflussend auf die weitere Geschlechtsentwicklung wirkt die Quantität der jeweils vorhandenen männlichen bzw. weiblichen Hormone. Die Quantität der Geschlechtshormone während der fötalen Entwicklung hat zudem Einfluss auf die Entwicklung des späteren psychologischen Geschlechts eines Menschen. Eine Störung der hormonellen Entwicklung kann, nach Asendorpf/Neyer (2012, S. 336), auch eine Störung der späteren Geschlechtsidentität bewirken. Einen weiteren Beweis für den Einfluss der Geschlechtshormone auf das Verhalten und die Geschlechtsidentität liefert die Adoleszenz, die jeder (gesunde) Mensch selbst erlebt und durchlebt hat.

Neuronales Geschlecht

Im Verlauf der individuellen Entwicklung kann die Entwicklung des Gehirns durch Hormone beeinflusst werden (Asendorpf/Neyer, 2012, S. 337). Die Einflüsse der Hormone sind während des gesamten Lebens eines Menschen wirksam. Die Adoleszenz oder die weibliche Menopause können hier beispielhaft aufgeführt werden. Während der gesamten menschlichen Entwicklung – von der Zeugung bis zum Tod - unterliegen wir den Einflüssen der geschlechtsspezifischen Hormone, welche teilweise große Wirkung auf unser Gehirn haben und damit die Bildung einer, teilweise sich während des Lebens verändernden, Geschlechtsidentität beeinflussen. Die Geschlechtsbeeinflussende Wirkung von Hormonen wie Testosteron oder Östrogen wird besonders deutlich bei der Behandlung von transsexuellen Menschen mit gegengeschlechtlichen Hormonen.
Neuronale Geschlechtsunterschiede können jedoch nicht ausschließlich der Wirkung von Geschlechtshormonen zugeschrieben werden. Das Verhalten und die Einflüsse der Umwelt haben ebenso neuronale Wirkung.

Verhaltensebene

Wie Geschlechterstereotype und Geschlechterrollen entstehen und sich dauerhaft etablieren, beschreiben verschiedene Theorien. Bezüglich der Geschlechterstereotype wird hierbei gerne Bezug darauf genommen, dass die Einstellungen, wie ein bestimmtes Geschlecht wahrgenommen wird und wie es zu sein hat, eine Ursache in der Kindererziehung und der Sozialisation eines Menschen findet. Im Kapitel „Theorie der Stereotype“ ab Seite 55 wird auf die Wirkung von Stereotypen vertiefend eingegangen.

Die Idee, dass „Geschlecht“ (gender) überwiegend (oder sogar ausschließlich) durch Sozialisation gelernt wird, wird in zahlreichen soziologischen Publikationen vertreten. Biologische Aspekte werden hierbei oft entschlossen zurückgewiesen (Carter, 2014). Peterson/Hann (1999, S. 327) nennen vier Einflussfaktoren der Sozialisierung, die zur Bildung von Geschlechterstereotype beitragen. Beeinflussend wirken hierbei die Eltern („parent effects“), andere Kinder bzw. Gleichaltrige („child effects“), die Wechselwirkung aus der Gesellschaft („reciprocal socialization“) und die systemisch-ökologischen Faktoren („systemic-ecological theory“). Der Einfluss der Eltern wird in nahezu allen soziologischen Arbeiten als omnipotent angesehen. Aus der Behauptung, dass ausschließlich die Sozialisation einen Einfluss auf die Geschlechtsidentität einer Person habe, entwickelte sich in den späten 1960er und Anfang der 1970er Jahre eine Überzeugung, Geschlechterunterschiede seien unbedeutend geworden. Diese Sichtweise wurde mittlerweile von zahlreichen Soziologen und Psychologen, welche diese Meinung vertraten, relativiert bzw. sie haben ihre Ansicht gänzlich umgekehrt.
Auch Bischof-Köhler (2011, S. 43) widerspricht diesem Standpunkt, dass die Geschlechtsidentität ausschließlich durch Sozialisation gebildet wird in ähnlicher Vehemenz, wie die Befürworter der reinen Sozialisierungstheorie. Sie verweist hierbei auf die Beziehung zwischen Biologie und Moral: „Traditionelle Kulturen nehmen nicht nur eine Dichotomisierung nach Art der Abbildung vor, sie setzen ihre Mitglieder – bald rigoros und autoritär wie im islamischen Fundamentalismus, bald unbewusst ermunternd – dem Zwang aus, ein typisch weibliches oder männliches Verhalten an den Tag zu legen. Um dieser Forderung nun einen Absolutheitsanspruch zu verleihen, beziehen sie sich auf die Veranlagung, versuchen also Moralvorschriften naturgesetzlich zu legitimieren.“.

Zahlreiche Studien und Untersuchungen haben mittlerweile gezeigt, dass der Einfluss auf die Geschlechtsidentität einer Person und die Bildung von Geschlechterstereotype sowohl biologische, als auch soziologische Ursachen haben.

Soziale Konstruktion von Geschlecht

Die Unterscheidung zwischen Frau und Mann im täglichen Umgang mit anderen Menschen treffen wir unbewusst und selbstverständlich, so dass der Eindruck entstehen könnte, das Geschlecht sei naturgegeben, immer direkt zu erkennen und nicht in Frage zu stellen.
Athenstaedt/Alfermann (2001, S. 11f) beschreiben das Geschlecht als soziale Kategorie und soziale Rolle. „Die Zuordnung von Personen in die Kategorie „Frau“ oder „Mann“ nennt man soziale Kategorisierung. Gemeint ist der „kognitive Prozess der Gruppierung von Personen oder Gruppen, die ein oder mehrere Merkmale gemeinsam haben.“ (Petersen & Six-Materna, 2006, S. 431). Wobei der Prozess der Kategorisierung nicht mit der Zuordnung zu Gruppen endet, sondern auch einhergeht mit der Zuschreibung der für diese Gruppe als typisch erachteten Charakteristika. Kategorisierung vereinfacht in diesem Sinn unsere soziale Informationsverarbeitung, bedingt aber auch Informationsverlust, da Individuen auf Basis der Gruppenzugehörigkeit beurteilt werden und ihre „Individualität“ vernachlässigt wird. (Mackie, Hamilton, Susskind & Rosselli, 1996). Geschlecht ist neben Alter und ethnischer Zugehörigkeit eine der zentralen sozialen Kategorien, die Individuen zur sozialen Kategorisierung verwenden (Fiske, 1998).[1] Diese Kategorisierung führt dazu, dass wir unterbewusst eine Person in eine der beiden Kategorien „Mann“ oder „Frau“ einordnen und diese Person als „ähnlich“ zu Personen derselben Kategorie betrachten.
Laut Bischof-Köhler (2011, S. 70) sprechen bereits Kinder im ersten Lebensjahr auf Merkmale des Geschlechts an, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt das eigene Geschlecht noch nicht bestimmen können. Mit etwa 7 Monaten können Kinder weibliche und männliche Stimmen und ab dem 9. bis 12. Monat können sie auch die Gesichter von Frauen und Männern unterscheiden.

„Geschlecht ist neben der kognitiv repräsentierten Kategorie auch eine gesellschaftlich definierte soziale Rolle. Soziale Rollen sind Positionen innerhalb einer Gesellschaft, die mit spezifischen Erwartungen an die Rollenträger einhergehen (Stryker & Statham, 1985). Diese Erwartungen haben normativen Charakter (Cialdini & Trost, 1998), so dass Rollenträger, die sich nicht erwartungskonform verhalten, sanktioniert werden. In diesem Zusammenhang kann auch Verspottung, Kritik oder Ausgrenzung als Sanktion gesehen werden kann.“[2]

Für Butler (2011) ist Geschlecht eine Praxis der Improvisationen im Rahmen des Zwangs. Keine Person spielt ihre Geschlechterrolle allein, sondern man spielt diese Rolle immer mit oder für einen anderen, selbst wenn dieser andere nicht real existiert, also man sich diesen nur vorstellt. „Die Bedingungen, die das eigene Gender kreieren, liegen jedoch von Anfang an außerhalb meiner selbst, wurzeln außerhalb meiner selbst in einer Sozialität, die keinen einzelnen Urheber kennt (und die Idee der Urheberschaft selbst grundlegend in Frage stellt).“[3] Menschen, die sich nicht ihrem biologischen Geschlecht zugehörig fühlen, haben hierbei mit einer doppelten „Belastung“ zu kämpfen. Zum einen sind sie dem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, ihre biologische Geschlechterrolle zu erfüllen und zum anderen wird das „Anderssein“ von ihrem Umfeld nicht oder nur sehr begrenzt akzeptiert.

[1] Vgl. Athenstaedt/Alfermann (2001), Geschlechterrollen und ihre Folgen – Eine sozialpsychologische Betrachtung, Kohlhammer, Stuttgart, S. 11f
[2] Athenstaedt/Alfermann (2001), Geschlechterrollen und ihre Folgen – Eine sozialpsychologische Betrachtung, Kohlhammer, Stuttgart, S. 13
[3] Butler (2011, S. 9), Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt



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